marvellous masken

BEZWINGUNG EINES DÄMONS
der geist der papiermasken-portraits von marvellous

»ich sitze an der schweissmaschine, umsprüht von funken, mit einer maske«, schreibt hans jürgen von der wense auf einer postkarte 1944. der wandernde schriftsteller meint damit nur nebenbei die tätigkeit, die er während des krieges für eine gewisse zeit in göttingen verrichten muss. vielmehr interessiert ihn, den eindruck wiederzugeben, den die wirklichkeit im gesamten auf ihn macht: mit der maske schützt wense sich vor der welt, die ihm um die ohren fliegt, auf ihn einprasselt, ihn auch verfolgt; denn mehrere jahre verbringt er erfolgreich damit, sich durch dauernde wanderschaft den ins allgegenwärtige verlängerten klauen des nazi-reichs, seiner behörden und zwänge zu entziehen.

das ist selbstverständlich eine kindliche haltung: sich die hände vors gesicht zu halten und zu denken, der buhmann werde einen schon nicht entdecken. aber es ist auch eine schamanische, eine beschwörende haltung, denn die maske schützt ja nicht nur vor dem funkenregen, sie ermöglicht durch abgedunkelte augengläser auch, den funkenregen zu betrachten, in ihn hinein- und ihm entgegen zu schauen – ganz so, wie ursprüngliche völker geister beschwören, indem sie sich zu besonderen anlässen festlich kleiden und durchs aufsetzen einer maske nähe herstellen zu einem bestimmten ahnen, geist – oder sogar zu einem dämon.

das über-weltliche wird kultisch beschworen, durchs aufsetzen der larve wird der maskenträger zu demjenigen, den die larve darstellt oder, im wahrsten sinne: verkörpert. denn der geist wohnt in der maske. er muss nicht lang herbeigeholt werden, er ist bereits da. aber er kann nicht kommunizieren, solange niemand »seine« larve aufsetzt; er kann sich nicht ent-larven und den maskenträger besetzen, durch ihn hindurch sprechen, wirken, tanzen.

man kann auf vielerlei weise über ein thema wie »maske« und »maskierung« nachdenken, wahrscheinlich werden die ansätze ebenso divergent sein, wie es unterschiedliche arten der vermummung gibt. aus einer gewissen faszination für afrika und aus einer sympathie für die ethnologen parin und fichte heraus fallen mir aber unwillkürlich tanzmasken aus lehm, holz, stroh und farbe ein. mir fallen afrikanische sonnenwesen, naturwesen und ahnen ein, nicht papiermasken mit den gesichtern von mephisto, renaissance-fürsten oder viktorianischen intellektuellen, wie sie marvellous verwendet.

dennoch liegt meiner ansicht nach marvellous mit seinen aus einem reise- und alltagszusammenhang heraus entstehenden photographien nicht ganz fern den ethno-psychologisch auf einen festen ritus (das heisst zudem: auf einen festen kult-ort) bezogenen masken-austragungen afrikas oder auch asiens. […]

dies ist der anfang eines längeren essays über die maskenbilder von marvellous, vollständig nachzulesen in Crauss‘ essayband SCHUNDFAKTOR, erschienen 2018 im verlag dreiviertelhaus.

Crauss: SCHUNDFAKTOR„Sprachbilder, die lange halten. Auch, weil sie verspielt sind.“ – Crauss‘ Essaysammlung mit Photographien von marvellous

Die Essays des Dichters Crauss sind Lyrik-, Literatur- und Filmkritik im literarischen Gewand. Als hybride Texte, Destillate und Weiterschreibungen, oft auch im Detail Erweiterungen des Gelesenen verhandeln sie neben Poetologischem Themen aus Musik, Fotografie, Architektur und Kulturgeschichte.

Wir beobachten den Autor beim intimen Gedankengespräch mit gehemmten oder wütenden Kollegen, Ikonen, Fetischen, und folgen ihm durch tote Orte des heimatlichen Westfalens über Gleitstufen einer globalisierten Stadtbeschleunigung in eine Textwelt, die sich nicht fürchtet, als Sekundärliteratur synästhetisch und sinnlich zu wirken.

Die Photographien im Innenteil von SCHUNDFAKTOR hat marvellous beigesteuert. Es handelt sich um eine Auswahl Maskenportraits aus dem im Privatdruck 2010 erschienenen und mittlerweile vergriffenen Buch marvellous photos.

SCHUNDFAKTOR. Hybride & Destillate. Essays. Mit acht Photodrucken von marvellous.
Verlag Dreiviertelhaus, Berlin 2018
210 Seiten, 16,- €

 

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